Indien Textilproduktion

Wie geht das? Öko-faire Textilproduktion einfach erklärt

Produktion bei Purecotz Eco Lifestyles

Textilherstellung vom Stoff bis zum fertigen Textil

Wie bereits in den Einblicken in öko-faire Textilproduktion angekündigt, möchte ich euch in diesem Artikel die einzelnen Schritte der Produktion näher bringen.

Es wird der Einfachheit halber nicht jedes kleine Detail erläutert werden. In der Praxis gibt es jedoch noch mehrere Zwischenschritte und unvorhersehbare Situationen, die Textilherstellung kompliziert machen. Purecotz wird auch in diesem Artikel immer wieder erwähnt werden, da ich die Fotos und Videos dort aufgenommen habe und schlichtweg durch sie den Einblick erhielt.
Warum ist es wichtig zu verstehen wie unsere – hier öko-faire Kleidung – hergestellt wird? Ohne dieses Verständnis fällt es aus meiner Sicht schwer, den Menschen die entlang der Liefer- und Wertschöpfungskette beteiligt sind, den wertvollen Materialien sowie der Umwelt gebührend wertzuschätzen. Mich erfüllt es mit Dankbarkeit, wenn ich öko-faire Mode trage.

Der Anforderungskatalog und die Musterproduktion

Sobald der Produzent gefunden wurde – in diesem Fall Purecotz – geht vom Fashion Label ein Anforderungskatalog ein. In diesem Dokument finden sich alle Maße, Schnitte, Farben, Materialien der jeweiligen Kleidungsstücke um die Produktion in Gang zu setzen. Okay, wenn wir davon ausgehen, dass zuerst einzelne Muster (Samples) oder eine Musterkollektion hergestellt werden, ist dieser Schritt der Hauptproduktion vorgeschaltet. Die Arbeitsschritte bleiben dennoch dieselben.
Wenn wir kurz bei den Mustern bleiben, die den Fashion Labels als Entscheidungsgrundlage dienen, ob sie die Kollektion/Kleidungsstücke wie im Anforderungskatalog schlussendlich produzieren lassen, dann vergehen nur wenige Tage vom Eingang der Anforderungen bis hin zur Erstellung der Muster und dem Versand per Flugzeug, der selbst drei bis vier Tage in Anspruch nimmt.
Die finale Freigabe durch die Labels ist entscheidend für den Produktionsstart.

Exkurs: Damit eine Produktion weitestgehend ausgelastet werden kann und die Kosten gedeckt werden, müssen seitens der Labels Mindestabnahmemengen vorliegen. Gehen wir von einem T-Shirt aus, welches in drei Größen S, M, L benötigt wird, müssen dann 400 T-Shirts pro Größe und Farbe bestellt (Style) werden – bei Purecotz. In der Regel werden noch mindestens 30 verschiedene Styles pro Auftrag gefordert.
Gerade bei Purecotz und dem Einsatz von Fairtrade zertifizierten Stoffen, lohnt sich die Produktion je nach Textil erst ab 3.000 bis zu 10.000 Teilen, da die Lieferanten kleine Mengen an Stoffen und Garnen gar nicht anbieten. Entscheidend ist jedoch in den meisten Fällen die Abnahmemenge pro Style. Je mehr eingekauft/bestellt wird desto günstiger wird auch der Einkaufspreis.

Die Herausforderung: Materialbeschaffung

Parallel zur Anfertigung der Schnittmuster wird sich schon um die Materialbeschaffung gekümmert, da diese sehr zeitintensiv ist und gelegentlich bis zu 60 Tage dauern gilt es hier frühzeitig anzufangen. Wieso nimmt dieser Arbeitsschritt soviel Zeit in Anspruch? Je kleinteiliger und anforderungsintensiver eine Kollektion und/oder ein Kleidungsstück ist und bspw. viele unterschiedliche Knöpfe, farbige Garne etc. aufweist, müssen sofern nicht bekannt Lieferanten gefunden werden. Gerade bei neuen Materialanforderungen- und Produktionsweisen wie Cradle to Cradle stößt der Produzent auf Neuland. Natürlich darf die Lieferzeit der einzelnen Teile in gewünschter Menge nicht außer Acht gelassen werden. Purecotz hat bspw. den Anspruch nahezu alle Materialien aus Indien zu beziehen, was jedoch nicht immer gelingt und teilweise geben die Labels auch vor von welchen Lieferanten diverse Teile bezogen werden sollen.

Qualitätsprüfung der Stoffe

Sobald die Stoffe in der Produktion bei Purecotz angekommen sind werden diese alle aufgerollt und auf Fehler geprüft. Die Fehler werden farblich gekennzeichnet. Auf einer Stoffrolle befindet sich gewöhnlich 50 bis 100 m Stoff. Nach erfolgreicher Prüfung kommen die Stoffrollen ins Lager und warten dann auf den Zuschnitt.
In dem Video könnt ihr das abrollen sehen. Hier ist ein sehr geschultes und erfahrenes Auge notwendig um in der Kürze der Zeit auch nur den kleinsten Fehler im Stoff wie zum Beispiel ein Loch oder Webunregelmäßigkeiten zu erkennen. Diese werden dann markiert (siehe Foto).

Ohne Schnittmuster kein Kleidungsstück

Anhand des Anforderungskatalogs wird mit einer speziellen Software digitale Schnittmuster erstellt und mit einem Plotter ausgedruckt. Diese dienen als Schnittvorlage.

Die Schnittvorlagen werden im Anschluss auf mehrere Lagen der Stoffbahnen gelegt und mit einer Maschine zugeschnitten. Da dies ein besonders gefährlicher Arbeitsschritt ist, arbeitet der Zuschneider nur mit Schnittschutzhandschuhen aus Metall. Diese Arbeit erfordert viel Erfahrung und sieht für Laien einfacher aus als es schlussendlich ist.

 

Der Schnittabfall beträgt im Durchschnitt pro Jahr 1 bis 2 Prozent.

Es wird gestickt, gestrickt oder bedruckt

Nachdem Zuschnitt werden erste Applikationen (Stickmuster) aufgebracht oder die Stoffe bedruckt. Entweder per Hand oder maschinell mit der Schmetterlingsmaschine, hier können acht Farben gleichzeitig aufgebracht werden. Beim Bedrucken kommen selbstverständlich nur durch GOTS zugelassene Farben zum Einsatz.
Nach dem Bedrucken durchlaufen die Stoffe eine Trocknungsstraße. Die Trocknung sorgt dafür, dass die Drucke haltbar gemacht werden und nicht beim ersten Waschgang an Farbe verlieren.
Wenn Strickpullover- oder Westen gewünscht werden, ist es jetzt der Zeitpunkt diese maschinell herzustellen. Dafür gibt es eine Strickmaschine die gleichzeitig sechs verschiedene Garne verarbeiten kann.

 

Lass knöpfeln…

Im Anschluss an Bedrucken oder Besticken werden Knöpfe angebracht, was auch mittels einer speziellen Maschine durchgeführt wird. Die Knöpfe nur mit hohem Druck auf dem Stoff fixiert werden.

Eine Verheiratung gibt es auch bei Kleidungsstücken

Sobald alle Einzelteile des Kleidungsstücks vorliegen, werden diese maschinell zusammengefügt – verheiratet – wie im Video und auf dem Foto zu sehen ist.

Als ich sie persönlich die Maschine zur Verheiratung in Augenschein nahm und beim Prozess dabei war, dachte ich nur was das für eine alte Maschine sei. Alt ist sie, doch dafür sind diese Maschinen sehr zuverlässig, wartungsfreundlich und in der Anschaffung deutlich preiswerter. Manchmal bewährt sich alte Technologie auch bis weit ins 21. Jahrhundert hinein hinein.

Die letzten Schritte bis zum Versand

Nun sind wir schon fast am Ende des Herstellungsprozesses. Zwischen den einzelnen Schritten wird jedoch stets die Qualität geprüft und bei Fehlern sofort eingegriffen. Erst wenn die Fehler bei der weiteren Arbeit vermieden werden können, wird mit dem Prozess fortgefahren. Bei der Qualität wird kein Kompromiss eingegangen – zumindest nicht bei Purecotz Eco Lifestyles. Als qualitätsbewusster Mensch schätze ich es sehr wenn Wert auf Qualität gelegt wird. Qualität ist schließlich nicht immer selbstverständlich.
Zum Schluss gibt es noch eine finale Endkontrolle bevor das fertige Kleidungsstück in Tüten verpackt und seinen Weg in den Karton findet.

Sobald sich die fertige Kleidung im Karton befindet wird sie auf den Versandweg gebracht. Von Umbergaon (Indien) aus geht es direkt mit dem LKW zum Hafen von Mumbai und von dort in die große weite Welt hinaus.
Von Mumbai zum Hamburger Hafen dauert es bspw. 21 Seetage.

Ohne vieler Hände Arbeit ist keine Textilproduktion möglich

Natürlich kommen Maschinen im Produktionsprozess zum Einsatz und unterstützen Menschen, dennoch sind selbst zum Programmieren/Bedienen der Maschinen Menschen notwendig. Bei Purecotz hat jede Arbeitskraft ihr spezielles – je nach Fähigkeit – Aufgabengebiet. Für uns mag das monoton erscheinen, doch darin liegt auch ein Vorteil. Der Fokus auf nur eine Aufgabe erhöht die Produktivität sofern der Ablauf routiniert ist. Multitasking wäre bei der Produktion nicht hilfreich. Das soll jedoch nicht heißen, dass die ArbeiterInnen immer dieselbe Aufgabe durchführen. Bei entsprechender Befähigung können sich diese auch weiterentwickeln. Da bis zum finalen Kleidungsstück viele Menschen daran arbeiten ist es entsprechend arbeitsintensiv und kostspielig. Dieser Aspekt wird bei öko-fairer Kleidung mehr wertgeschätzt und honoriert, wenngleich es noch viel zu tun gibt. Das Ziel müssen existenzsichernde Löhne – Living Wages – sein. Hoffen wir, dass durch den Fairtrade Textilstandard dieses Ziel in greifbare Nähe kommt.

Ich hoffe, euch hat der Artikel gefallen und euch ist durch ihn klarer geworden, wie Textilien hergestellt werden bzw. welche Arbeitsschritte dafür notwendig sind.

Anmerkung: Die Reise nach Indien und Purecotz wurde von mir privat bezahlt und aus eigenem Interesse unternommen. Die Besichtigung fand nicht im Auftrag von Fairtrade Deutschland oder Purecotz Eco Lifestyles statt. Dieser Beitrag spiegelt meine subjektiven Eindrücke wieder.
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Fotos: JAN TRÄGT GRÜN. Motiv: Produktion/Purecotz Eco Lifestyles.

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