Indien Textilproduktion

Einblicke in öko-faire Textilproduktion in Indien

Purecotz Eco Lifestyles Gruppenfoto

JAN TRÄGT GRÜN besucht Purecotz Eco Lifestyles in Umbergaon (Indien)

Im Oktober 2017 war es endlich soweit und ich konnte mir einen besonderen Wunsch erfüllen. Bei Purecotz Eco Lifestyles durfte ich die Textilproduktion und insbesondere die öko-faire Textilproduktion im Detail kennenlernen. Nun kann ich die Produktionsprozesse besser verstehen und mir wurde nicht nur bei der Besichtigung bewusst, dass es einen Unterschied macht, ob ich mich für konventionelle Kleidung bzw. Fast Fashion oder eben öko-faire Kleidung entscheide. Als Konsument habe ich Macht und Entscheidungsspielraum und kann gezielt Verantwortung für mein Handeln übernehmen. Wie das geht? Die Wahl für oder gegen ein Produkt entscheidet sich beim Einkauf. Den Nachweis über eure Entscheidung erhaltet ihr nach dem Bezahlen: Die Quittung.

Kurzporträt von Purecotz Eco Lifestyles

Nun möchte ich euch kurz und knapp Purecotz vorstellen und warum ich dankbar bin, bei ihnen gewesen zu sein.
Purecotz gibt es nunmehr seit fast 20 Jahren und die Motivation eine Textilproduktion aufzubauen, die zu 100 Prozent Bio-Fasern verarbeitet, kommt beim Gründer und Geschäftsführer – Amit Narke – nicht von ungefähr. Amit war vor der Gründung zwischen 1998 und 2000 Händler für Bio-Baumwolle in Indien und lernte die Unterschiede zwischen konventioneller und biologisch angebauter Baumwolle kennen. Die Leidenschaft für Bio-Baumwolle und Textilien manifestierte sich in der Gründung von Purecotz.
Zu Beginn produzierten sie Baby- und Kinderkleidung und erweiterten stetig die Produktpalette, die zu produzierenden Textilien. Dadurch konnte Purecotz immer wieder neue Bekleidungslabels finden, für die es produzieren darf und die die Philosophie von Purecotz mittragen. Qualität, Einsatz von Bio-Fasern und eine fairer Umgang mit Mensch und Natur sind fester Bestandteil von Purecotz. Purecotz ist organisch gewachsen und kann nun stolz sein, 450 Mitarbeiter zu beschäftigen.
Im Zuge der geforderten Transparenz und als Nachweis für öko-faire Produktion kann Purecotz folgende Zertifizierungen vorweisen: GOTS, Fairtrade und SA8000:2014. Darüber hinaus ist Purecotz in Zusammenarbeit mit MELAWEAR und Fairtrade, Projektpartner des neuen Fairtrade Textilstandards.

Textilproduktion in Kompaktform

In den zweieinhalb Tagen, die ich bei Purecotz verbrachte, wurde mir nicht nur die für mich herzliche Gastfreundschaft der Inder zu teil, sondern auch die Erkenntnis, dass mit Hingabe und Liebe viel Gutes im eigenen Leben und Leben anderer bewirkt werden kann.
Es mag unwichtig erscheinen, doch möchte ich darauf hinweisen, dass ich in erster Linie als Privatperson bei Purecotz war, und umso mehr war ich von der Offenheit, Transparenz und Gastfreundschaft überwältigt.
Das Programm war straff und hervorragend organisiert. Wer jedoch glaubt eine Textilproduktion in kürzester Zeit sehen und verstehen zu können, der irrt. Die Zeit war mehr als angemessen. Die einzelnen Prozessschritte der Produktion, die sich entweder 1:1 oder in großen Teilen auch bei anderen Textilproduzenten wiederfinden lassen, wurden mir detailliert und möglichst einfach verständlich gemacht. Welche Schritte das im Einzelnen sind findet ihr aus Gründen der Übersicht und des Verständnisses in einem weiteren Artikel. Hier kommt die Kurzauflistung.

  1. Schritt: Anforderungskatalog (Designs, Maße, Materialien, Stückzahlen, Farben etc.) des Labels geht ein
  2. Schritt: Materialien (Garne, Reißverschlüsse, Knöpfe etc.) werden beschafft. Das kann gut und gerne 50 bis 60 Tage in Anspruch nehmen.
  3. Schritt: Produktion der Schnittmuster
  4. Schritt: Zuschneiden der Stoffe mittels der zuvor erstellten Schnittmuster
  5. Schritt: Nachdem Zuschnitt werden die Stoffe nach Anforderung mit Applikationen bestickt oder bedruckt
  6. Schritt: Knöpfe werden nach Anforderung angebracht
  7. Schritt: Das Kleidungsstück wird aus einzelnen Teilen als Ganzes zusammengenäht (verheiratet)
  8. Schritt: End- und Qualitätskontrolle. Falls hier noch Fehler entdeckt werden, sind diese zu beheben und es erfolgt eine erneute Kontrolle
  9. Schritt: Die Kleidungsstücke werden in biologisch abbaubare/kompostierbare Tüten verpackt
  10. Schritt: Versand der Kleidung, der per Schiff 21 Seetage von Mumbai nach Hamburg dauert. Insgesamt vergehen vom Bestelleingang bis zur Auslieferung zwischen 90 und 120 Tage.

Über Handarbeit und Living Wages

Wenngleich bei den meisten Produktionsschritten Maschinen die Arbeit der Menschen unterstützen, ohne die Hände Arbeit vieler Menschen ist auch im Jahr 2017 Textilproduktion nicht möglich. Das bedeutet jedoch, dass diese Arbeit entsprechend von uns Konsumenten als auch den Modelabels selbst wertgeschätzt werden muss. Dies gelingt am einfachsten über den Kauf von ausschließlich öko-fairer Mode. Bei dieser wird mindestens ein Mindestlohn (GOTS, Fairtrade) gezahlt auch wenn er bei Weitem nicht ausreicht, um ein lebenswertes Leben zu führen. Was hat Purecotz damit zu tun? Nun, durch die Teilnahme am Fairtrade Textilstandard ist es das Ziel von Purecotz, innerhalb von sechs Jahren bis zur Zertifizierung Living Wages – existenzsichernde Löhne – die Mindestlöhne deutlich übersteigen und dazu beitragen, dass die ArbeitnehmerInnen den realen Lebenshaltungskosten entsprechend verdienen – zu zahlen.
MELAWEAR aus Deutschland – welches zuletzt durch den ersten und einzigen GOTS- und Fairtrade zertifizierten Bio-Baumwollrucksack bekannt wurde, ist das noch nicht genug. MELAWEAR zahlt jetzt bereits freiwillig ohne diesen finanziellen Mehraufwand an seine Kunden weiterzugeben, nochmal 10 Prozent zusätzlich zu den Mindestlöhnen. Was Henning Siedentopp – Gründer und Geschäftsführer von MELAWEAR – dazu bringt, erfahrt ihr im Interview mit Henning. Um das Ziel der fairen Bezahlung durch Living Wages zu erreichen, müssten alle Labels die bei Purecotz produzieren alle freiwillig mehr zahlen. Hoffen wir das Beste.

Arbeitsbedingungen mit Vorbildcharakter

Das war noch nicht alles. Während meiner Zeit vor Ort hatte ich jederzeit das Gefühl, dass hier der Mensch und die Umwelt im Mittelpunkt stehen. Wie hat sich das in der Realität gezeigt? Alle insbesondere die ArbeitnehmerInnen, die direkt mit dem Textilien arbeiten, haben einen strukturierten Arbeitsalltag, mit festgelegten Pausen und Arbeitszeiten. Sie arbeiten 8 Stunden pro Tag und dürfen maximal 10 Stunden arbeiten, wobei zwei Stunden als bezahlte Überstunden abgerechnet werden. Es gibt zudem Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bezahlte Urlaubstage, subventioniertes Mittagessen sowie einen Betriebsrat. Es wird viel Wert auf Arbeitssicherheit gelegt, die Räume sind gut ausgeleuchtet und belüftet und im Fall eines Brandes gibt es beschilderte Notfallausgänge, Fluchtpläne und auch Feuerlöschanlagen. Das klingt im ersten Moment selbstverständlich doch das ist es in Ländern wie Indien und Bangladesch gerade bei der Textilproduktion keineswegs. Ein Social Compliance Team vor Ort kümmert sich um die Kontrolle der Arbeitsbedingungen und ist bei Problemen zentrale Anlaufstelle für die ArbeitnehmerInnen.
Purecotz hat in Mumbai ein eigenes Recyclingunternehmen gegründet welches die Prinzipien – Reduce-Reuse-Recycle – verfolgt und den anfallenden Plastikmüll aus der Produktion recycelt und daraus bspw. Dächer herstellt.
Das die Bedingungen wie ich sie bei Purecotz vorgefunden habe generell bei bei öko-fairer Textilproduktion erwartet werden können, kann ich zumindest für meine Person bestätigen. 2016 hatte ich bereits die Gelegenheit in Kathmandu, Nepal zwei Textilproduktionen zu besichtigen, wo diverse bekannte Labels produzieren lassen. Was ich dort gesehen habe, war im Direktvergleich zu einem kleinen Textilsweatshop in Delhi (250 NäherInnen) schon ein himmelweiter Unterscheid, doch verglichen mit Purecotz noch spürbar verbesserungswürdig. Leider kann ich keine Bilder aus Kathmandu vorweisen, da es mir nicht gestattet war zu dokumentieren.

Öko-faire Textilherstellung in Indien ohne schlechte Gewissen

Während meines Besuchs wurde mir wieder einmal klar, dass eine öko-faire Textilproduktion in Indien ohne schlechte Gewissen möglich ist. Weshalb? Gehen wir davon aus, dass die Produktion in Europa stattfindet weil einem Europa wegen seiner Standards eine bessere Bezahlung und Entlohnung der involvierten Menschen per Gesetzt garantiert. Dennoch ist nach wie vor möglich die Gesetze zu umgehen und die ArbeitnehmerInnen schlecht zu bezahlen und/oder zu behandeln. Wenn in der EU ein Mindestlohn gezahlt wird garantiert auch dieser kein unbeschwertes Leben. Sofern in Indien produziert wird und dort der Großteil der Wertschöpfung angefangen von der Rohstoffgewinnung bis zum letzten Arbeitsschritt stattfindet, finde ich es nicht verwerflich es zu tun ,vor allem wenn sich für öko-faire Herstellung entschieden wird.
Natürlich ist es in der Realität komplexer daher ist mein Gedankenspiel stark vereinfacht dargestellt.

Ich bin zutiefst dankbar für diese großartige und hoffentlich nicht letzte Gelegenheit tiefer in die Textilproduktion und deren Hintergründe eingestiegen zu sein. Mein nächstes Ziel ist die Besichtigung von Bio-Baumwollfarmen, Webereien und Färbereien.

Anmerkung: Die Reise nach Indien und Purecotz wurde von mir privat bezahlt und aus eigenem Interesse unternommen. Die Besichtigung fand nicht im Auftrag von Fairtrade Deutschland oder Purecotz Eco Lifestyles statt. Dieser Beitrag spiegelt meine subjektiven Eindrücke wieder.
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Fotos: JAN TRÄGT GRÜN. Motiv: Jan Eggers/JAN TRÄGT GRÜN und Merchandising Team/Purecotz Eco Lifestyles.

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